Verzweigung
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Keine Antwort.
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Du kannst fast schon hören, wie das Telefon durch Bagmans Studio läutet und von den leeren Plastikbechern und all der Tonausrüstung widerhallt.
Die Reality Situation existiert nicht mehr – nur noch in den Klangwellen.
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„Hallo, guten Tag und wie immer herzlich Willkommen zur Reality Situation. Wie heißt du und von wo rufst du an?“
„Das war natürlich nur ein Witz. Ich würde niemals persönliche Informationen erfragen, ganz im Gegensatz zur Regierung, Priestern und sprechenden Tieren in deinen Träumen. Immer dran denken, liebe Leute – ihr müsst nicht antworten.“
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„Die Tierzone wurde als geheime Haftanstalt des Weinenden Auges genutzt.“
„Die Tierzone ist schon lang dahin, Genossin – ich hatte dort die ganze Zeit eine Inkognito-Manguste mit einer Tüte eingeschleust. Ihre Klauen lassen sich nicht einziehen.“
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„Was weißt du über Geheimgefängnisse?“
„Es gibt nur ein Geheimgefängnis, Kameraden, und wir sind darin gefangen.“
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„Nein, ich meinte von EMTERR geführte Geheimgefängnisse in Portofiro.“
„Es gibt viele geheime Gefängnisse, aber schlussendlich gibt es nur ein wahres Geheimgefängnis“, wiederholt er eisern. „Und wir sind darin gefangen, Genossen.“
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„Was noch?“
„Alles ist Knast, kapiert.“
„Sie haben den ersten Schritt auf einer sehr langen inneren Reise gemacht.“
Du schaust nach oben, als würdest du einen Käfig erwarten, der auf dich herabfällt. Da ist keiner – zumindest kein sichtbarer.
„Wie groß ist das Gefängnis? Und warum kann ich die Wände nicht sehen?“
„Denn, Genossen: Die Wände wurden übermalt, damit sie so aussehen, als wären sie etwas, das sie nicht sind.“
Hm? Das löst das Dilemma mit dem unsichtbaren Käfig aber nicht.
„Ich komm nicht mehr mit.“
„Ich fürchte, wir kommen alle nicht mehr mit. Gefangen in einer brutalen Belagerung, aus der es kein Entkommen gibt.“
„Ich wusste es! Es war eine Simulation!“
„Und doch ist der Schmerz nur allzu real. Wenn wir es schaffen, der Belagerung durch die Realität zu entkommen, dann ist vielleicht alles möglich …“
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„Das ändert nichts. Alles, was wir tun, läuft immer auf gar nichts heraus.“
„Aber vielleicht muss es das nicht! Wenn wir aus der Simulation ausbrechen könnten, würden wir vielleicht ein Leben voller Sinn finden – die Wahrheit hinter der Realität.“
„Lässt sich irgendwie herausfinden, wie groß sie ist?“
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„Theoretisch könnte das Ganze anhand vom Temperaturunterschied zwischen dem Traum von Rustam und den Nachbarstaaten berechnet werden, weil sie in Rustam ihre Backup-Discs aufbewahren.“
„Aber wenn ich schätzen müsste … würde ich vermuten, dass die ganze Nummer nur aus 75 bis 100 Millionen Seiten Informationen besteht. Verhältnismäßig minimal.“
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Du lässt ihn weiterreden.
„Haben Sie was von einem losgebundenen Boot gehört, das in Portofiro herumtreibt?“
„Habe ich! Alle, die noch immer unter dem Irrglauben leben, dies sei eine freie Stadt, sollen zur 3,3 km-Grenze schwimmen, wo dieses Gefährt kreist, oder ein Boot dorthin nehmen, dann sehen sie genau, wie frei wir wirklich sind.“
„Die Kurzfassung ist, dass es sich dabei um ein Patrouillenboot handelt. Wenn ich raten müsste, würde ich behaupten, dass es dafür sorgt, dass niemand in die noch nicht gerenderten Gebiete vordringt, wo die Realität geprobt wird.“
„Wie, also denkst du, danach hört die Welt einfach auf?“
„Nein. Es ist schwer zu sagen, was dann passieren würde, da wir so tief in dieser Illusion stecken, dass wir uns ein Leben außerhalb davon nicht einmal vorstellen können.“
„Berichte über blinkende Lichter auf dem Schiff bestätigen diese Annahme.“
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„Geprobt?“
„Hm. Verstehe.“
„Erzähl mir von den Delfin-Mensch-Hybriden.“
„Tot, zumindest die meisten. Selbstmord.“
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Sind wir damit die letzten eines einst stolzen Hybrid-Volks, Gäng?
„Was die sogenannten 'Wissenschaftler' nicht bedacht hatten, war, dass die menschlichen Teile ihres Gehirns offenbar einfach nicht mit den primitiveren Trieben der Delfine zurechtkamen.“
„Eine Tragödie. Alle Säugetiere betrauern ihren Verlust.“
„Die Überlebenden haben ein Becken auf dem Grund von Nestors altem Silo. Aber wer weiß schon, wie viele noch übrig sind …“
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Du hast da unten nichts gesehen, was an einen 'Panzer' erinnern würde, aber vielleicht gibt es Unterebenen, die du noch nicht kennst …
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„Das ist unglaublich absurd.“
„Klingt so, als wäre alles zum Besten gelaufen.“
„Sie haben mir eine rote Disc gestohlen. Ich brauche sie wieder.“
Auf deine Worte folgt eine schwerwiegende Stille. Sie ist kurz, aber nicht zu überhören.
„Ah. So entwickelt sich also unsere aktuelle Situation … Ich habe mich schon gefragt, wann Sie anrufen würden.“
„Wir kennen einander gar nicht.“
„Ach, Frau Wilk. Sie erinnern sich bestimmt nicht mehr daran. Das kann ich Ihnen nicht übel nehmen.“
Eine Pause.
„Wenn du mich sehen willst, komm über die Dächer der Wohnraumkampagne. Keine Gäste, keine Überraschungen. Gruß.“ Die Verbindung bricht ab.
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„Wenn wer anrufen würde?“
„Sie, Frau Wilk.“
„Jemand hat mich angegriffen und eine Papiertüte zurückgelassen.“
„Du wurdest von einem der mutigen Partisanen des Realen besucht! Ich hoffe, du trägst die Tüte – nur so bist du sicher.“
„Natürlich. Ich bin ja nicht dumm.“
„Offensichtlich nicht. Das sind hervorragende Neuigkeiten. Wir haben sicher viel zu besprechen.“
„Warum hat mich dein 'Partisan' dann angegriffen?“
„Offensichtlich nicht. Das sind hervorragende Neuigkeiten. Wir haben sicher viel zu besprechen.“„Natürlich! Sonst bist du dem Feind völlig ausgeliefert, nackt vor seinen Angriffen. Werde nicht zum willigen…„Dann gibt es keine Hoffnung für dich. Der Feind hat deine Verteidigung bereits durchbrochen – er dringt…
„Die erste Lektion des Krieges: Wir werden ständig angegriffen. Je eher du das akzeptierst, desto besser.“
Ein Krümel Wahrheit, der immer größer wird, je weiter er bergab rollt, bis er zu einem riesigen Ball der Verwirrung und Paranoia wird.
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„Sollte ich das?“
„Natürlich! Sonst bist du dem Feind völlig ausgeliefert, nackt vor seinen Angriffen. Werde nicht zum willigen Überträger der Realität.“
„Ich werde deine blöde Tüte nicht tragen. Das ist lächerlich.“
„Dann gibt es keine Hoffnung für dich. Der Feind hat deine Verteidigung bereits durchbrochen – er dringt durch deine Poren ein und verdreht deine Gedanken mit Nano-Transmittern.“
„Vergiss die Tüte. Warum wurde ich angegriffen?“
„Ich muss los.“ [Du legst auf.]
„Gruß.“ Der Anruf bricht ab.
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„Hallo und herzlich Willkommen bei der Reality Situation! Bevor wir anfangen, muss ich nur überprüfen – ist deine Leitung sicher?“
Verdammt!
„Das war natürlich nur ein Witz. Keine Leitung ist sicher. Eure Gedanken sind nicht sicher, meine Damen und Herren. Das Bewusstsein wird höchstpersönlich angezapft, und der Anruf kommt aus dem eigenen Haus.“
„Erstens: Meinst du das ernst?“
„Eine verrückte Frage, aus Gründen, die ziemlich offensichtlich sein sollten. Sag mir, nach welchem Aspekt der 'Realität' wolltest du fragen?“
„Ich habe ein paar Fragen, Bagman.“
„Natürlich. Und über welchen Aspekt der Situation wollen Sie sprechen?“