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Ein Schatten in einer Lederjacke hält dem Lesenden einen abgeschlagenen Kopf entgegen – die heraushängende Zunge und die tropfenden…

Zeilen 108
Gesprächsbeginn

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Ein Schatten in einer Lederjacke hält dem Lesenden einen abgeschlagenen Kopf entgegen – die heraushängende Zunge und die tropfenden Eingeweide geben einen kleinen Vorgeschmack auf den Inhalt.

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Du riechst an der Seite.
Der beißende, chemische Geruch nach billiger Tinte lässt deine feinen Nasenhaare zu Berge stehen.
SensorenSW 10
Aber darunter liegt eine Note von Vanille und Moder. Der staubige Geruch von Papier.
Du schnupperst intensiver.
Du vergräbst deine Nase im Falzbruch und spürst das weiche Papier an deinen Wangen.
InstinkteSW 8
Nimm einen ooordentlichen Zug.
Holz, Leinen … eine Spur Mandel.
Du streckst die Zunge nur ein biiischen raus …
Die feuchte Spitze schiebt sich zwischen deinen Lippen hervor wie ein neugieriger Wurm nach einem Regenschauer und drückt gegen die bedruckte Seite.
Sie schmeckt nach gar nichts.
Ich weiß nicht, was ich erwartet habe.
In deinen verzerrten, von Heimweh getrübten Erinnerungen, konntest du deine Lieblingsbücher auf der Zunge schmecken, während du sie beim Licht einer Taschenlampe unter der Decke gelesen hast.

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Aber … Vanille! Mandeln!
Das waren witzigerweise auch die letzten Worte von Operant GESTURE, der von einer mit Zyanid versetzten Eiswaffel ausgeschaltet wurde.
Das bleibt unser kleines Geheimnis, Hombre.
Der mit Spucke befeuchtete Hombre verschwimmt zu rinnender Tinte.
Okay, ja. Das ist die normale Beschnupperdauer.
Du nimmst den Comic vom Gesicht und entfernst ihn, bis sich aus dem verschwommenen Schwarz-Weiß lesbare Bilder herausschälen.
Ahhh, ja. Das ist das gute Zeug.
Die Comictinte wird nicht mal einen Rausch auslösen. Aber der Nostalgiefaktor lässt sich nicht leugnen.

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Für sensorische Ablenkungen ist jetzt keine Zeit.
Der Comic knistert verheißungsvoll in deinen Händen, als du ihn umdrehst.

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Du überfliegst die Handlung.
Schwarz-Weiße Panels fliegen so schnell an dir vorbei, dass die Bilder sich beinahe zu bewegen scheinen.
Eine mit krakeliger Handschrift gefüllte Sprechblase beschwört in deinem Geist eine kratzige Stimme hervor – 'Ein Polyp am Perineum der Gesellschaft …'
Okay, das ist mein Ding.
Ein Comic für große Kinder, die schon mit Zeichnungen und Worten für Große zurecht kommen.
Eine krallenbewehrte Faust trifft ein zerschlagenes Gesicht. Die eigentliche Gewalt spielt sich außerhalb der Panels ab, wird aber irgendwie durch das in fetten Buchstaben aufgedruckte Wort 'KRAAATZ' sichtbar gemacht …

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Eine Gestalt wird bei lebendigem Leibe von Schatten verschlungen. Sie schreit. Ob es sich um einen Mann, eine Frau oder einen Dämon handelt, ist nicht erkennbar.
Hat der Ombre Hombre diesen Typen gerade gefressen?
Das war kein Typ. Das war ein Mond-Kultist, ein Mitglied einer finsteren Kabale, die seine Begleiterin und Liebhaberin Aurelia Nebel getötet hat, die Heilerin, der die Hände eines Assassinen transplantiert wurden, der zwei Klingen gleichzeitig führen konnte.
Cool, der Hombre macht die Mädels und seine Rache klar.
Das mit den Mädels war allerdings vorbei, als der Mond-Kult Aurelia ermordet hat.
Das ist längst nicht der beste Handlungsbogen. Warte nur, bis er in Band sechs endlich die Schattenpuppen beherrschen lernt.

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Was haben diese Mond-Kultisten für ein Problem?
Sie sind die Erzfeinde der Schatten. Ihr Anführer ist der fürchterliche Imago Jones – der ewige Erzfeind des Hombres.
Das reicht mir.
Der Mann der Nacht bewohnt eine Welt jenseits des herkömmlichen Geschmacks und der herkömmlichen Moral. Nur sehr wenige können ihm dorthin folgen.

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Du liest weiter.
Du betrachtest die Zeichnungen.
Du hältst bei einer Doppelseite an, die vollständig von einem einzigen, großen Panel ausgefüllt ist:
Der Hombre steht in einer Lache aus wirbelndem Wasser, einem kleinen Ozean in der Leere eines Zwischenraums. Die Türme von Sunlit City recken sich dem Himmel entgegen. Die unteren Stockwerke sind überflutet und Fische zappeln auf den Dächern und japsen nach Luft.
Vor ihm erhebt sich ein roter Umhang aus dem Wasser. Er bildet die Silhouette des Hombre genau nach und lädt ihn wie ein Leichensack ein, sich in sein Inneres zu begeben.
Ich kann gar nicht wegsehen.
Je länger du hinsiehst, desto mehr Details erkennst du – ein kleines Gesicht, das sich in den Pinselstrichen verbirgt, die eine Wasserlache bilden, das detailreiche Mauerwerk an einem der Gebäude am Horizont.
PoetikSW 12
Der Zeichner hat die Grenzen des Panels gesprengt, um durch Raum und Zeit zu reisen. Der Hombre wandert durch eine im Chiaroscuro gestaltete Traumwelt.
So was hast du noch nie gesehen. Wenige Menschen haben das. Das ist die Neue Kunst.

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Was ist 'Neue Kunst'?
Dieses Buch hat sich aus der konterkulturellen Welt der Mund-zu-ungepflegter-Mundpropaganda in Gefilde vorgekämpft, in der einige Ladenbesitzer überlegen, es in ihre Zeitschriftenregale zu stellen.

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Wie lange kann so etwas anhalten?
Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass ihm noch etwa drei Jahre bleiben, bis die Verkaufszahlen einbrechen und der Zeichner es nicht mehr schafft, seine Abgaben pünktlich einzureichen.
PoetikSW 9
Oder noch schlimmer: bis eine Filmadaption gedreht wird.

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Das ist wirklich gruselig. Ich reagiere auf psychischer Ebene darauf.
Es ist ein Albtraum, der auf die Seiten gebannt wurde, während die Einzelheiten dem Geist des Künstlers bereits entglitten.
StaatsmachtSW 9
ZUM GLÜCK SIND SOLCH ÜBERTRIEBEN BRUTALE WERKE IN DEN VOLKSREPUBLIKEN VERBOTEN.
Vielleicht ist es doch nicht mein Ding.
Du hast gerade mal einen Bruchteil der Neuen Kunst erblickt. Warte nur, bis du siehst, was alles nicht veröffentlicht wird: psychedelisch-mythologische Komödien. Nicht-lineare Horror-Shows, die gleichzeitig einfach nur den Alltag der Figuren abbilden. Witzige Tierchen, die ficken.
Du betrachtest das Poster.
Du schlägst das Magazin an der Stelle auf, an der die Bindung die Seiten zusammenhält. Deine Augen werden von einem horizontal ausgerichteten Bild begrüßt: das vergrößerte Coverbild der Ausgabe.
TechnoflexSW 11
Warte! Es gibt keine hübsch vorgestanzte Linie, an der du es herausreißen könntest. Und die Bindung sieht aus wie mit der heißen Nadel genäht – jede Handlung ohne die richtige Vorbereitung wird zur Zerreißprobe werden.
Das ist kein Poster, nur eine Seite.
Es ist so ähnlich wie ein Poster. Poster-mäßig!
Eher nicht. Das ist das falsche Papier. Ein richtiges Poster hätte man auf seidenmattes Papier mit 130-170 GSM gedruckt, um Spiegelungen zu minimieren und die Wirkung zu verbessern. Ein gutes, halbschweres Produkt.
Das hier hingegen ist ein einfacher 4-Farbdruck auf Zeitungspapier. Billiger, von geringerer Qualität und sehr viel instabiler.

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Hm. Das ist enttäuschend.
Da wäre es besser, einfach den ganzen Comic einzurahmen. Schön unter UV-undurchlässigem Glas. Die Zeichnungen würden richtig hervorspringen.

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KoordinationSW 11
Du birgst den Hombre.
Du drückst mit einer Handfläche vorsichtig aber bestimmt gegen den quasi nicht vorhandenen Rücken des Magazins.
Du greifst die Doppelseite mit zwei Fingern und ziehst.
NervenstärkeSW 8
Vorsichtig. Langsam.
Der Druck passt perfekt – das Papier reißt nicht um die Bindung herum ein. Stattdessen geben die Heftklammern selbst nach, öffnen sich für dich und geben die Seite frei.
SensorenSW 9
Pop-pop-pop.

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Du hältst den Atem an.
Deine Hand ist ruhig, aber der Widerstand der Heftklammern bricht nicht.

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Mit der Befreiung der letzten Heftklammer – zinkbeschichteter Stahldraht gibt unter deinen Händen nach – bricht endlich auch der Buchrücken in sich zusammen.
Die Seiten lösen sich frei und ungebunden in deinen Händen voneinander. Du hältst das unversehrte Poster zwischen Daumen und Zeigefinger.

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Du streckst deine Zunge raus.
Deine Konzentration zielt wie ein Laserstrahl auf einen Punkt. Die Heftklammern verbiegen sich langsam.
Du blinzelst.
Du siehst, wie die Fasern des Papiers unter deinem Ansturm langsam nachgeben.
Du greifst die mittleren Seiten mit einer Hand und balancierst das Magazin auf der anderen Handfläche.
Du ziehst sanft am Papier.
Die Heftklammern bewegen sich kein Stück, obwohl sie so instabil aussehen. Oben am Poster entsteht ein unschöner Riss im Papier.
NervenstärkeSW 16
Halt, nein! Du bringst ihn um!
Du hörst auf, zu reißen.
Der Schaden ist bereits angerichtet. Sämtlicher Wert, den diese Ausgabe unter Sammlern vielleicht gehabt hätte, wurde auf einen Schlag vernichtet.

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Du machst weiter.
Mit einem fürchterlichen Geräusch zerreißt das doppelseitige Poster mitten im Panel.
Dir ist gelungen, woran Imago Jones und hunderte Mond-Kultisten gescheitert sind – du hast den Ombre Hombre einen Kopf kürzer gemacht.
Er ist bestimmt unsterblich oder so was, oder?
Du hast das Cover doch gesehen – mit dem Verlust eines Kopfes ist nicht zu spaßen.
SchattenspielSW 7
Ein weiterer Statist ist deiner Unbedarftheit zum Opfer gefallen.

Verzweigung

117
Das kann man kleben. Niemand wird den Unterschied bemerken.
Dieser Schaden lässt sich nicht reparieren.
Daran ist nur der Verlag schuld. Die Druckqualität ist beschissen.
Das ist ein Indie-Comic. Da ist Geld da, um den Zeichner zu bezahlen und jeden Monat eine kleine Auflage zu drucken, aber mehr auch nicht.
Graue SubstanzSW 10
Es zeugt von der Beliebtheit des Ombre Hombre, dass der Comic sich schon so lange halten konnte.
Reiß es heraus!
Du legst den Comic weg.

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Ende dieses Zweigs

PoetikSW 10
Die Gottheit erkennt eine Bittstellerin. Dein Puls beschleunigt sich in freudiger Erwartung.
Sieht cool aus.
Verwegen cool. Unabhängig verlegt cool. OMBRE HOMBRE, VOL. 5 AUSG. 8.
Graue SubstanzSW 7
Weißt du … solche Magazine haben meistens ausklappbare Bilder in der Mitte … oder heraustrennbare Poster …
TechnoflexSW 9
Zum gebrauchten Preis. Zustand: BESCHMUTZT.
SensorenSW 8
Die Spitzen deiner Finger jucken.
Puuuh, wie lahm.
Und trotzdem starrst du OMBRE HOMBRE, VOL. 5 AUSG. 8 weiterhin an.
Ein Schatten in einer Lederjacke hält dem Lesenden einen abgeschlagenen Kopf entgegen – die heraushängende Zunge und die tropfenden… - ZERO PARADES