Verzweigung
Unter den vielen Fächern im Schrank findest du einen kleinen Stapel Papiere. Die erste Seite sieht aus wie eine gedruckte Anleitung.
Du fängst mit Lesen an.
'1. Du liest das Gedicht erst mal leise und dann laut. Achte auf die Zeilenumbrüche und finde raus, ob es einen bestimmten Rhythmus oder Reimschema gibt. Ist das Gedicht in offener oder geschlossener Form geschrieben?'
Verzweigung
Was ist das?
Anleitung zum Verständnis und zur Kritik des geschriebenen Gedichts.
Wer diese Methoden anwendet, möchte nicht besser darin werden, Gedichte zu schreiben – er möchte besser darin werden, sie zu lesen.
Es erscheint ungewöhnlich, dass jemand, der bei einem Poesie-Magazin arbeitet, Ratschläge zum Lesen benötigt.
Am Rand wurden Notizen vermerkt: „Laut vorlesen“, „Zeilenumbrüche“, „Zu viele Metaphern?“
Es scheint, als würde ihnen der künstlerische Geist fehlen.
Geht das jetzt immer so weiter?
'2. Formulier das Gedicht mit deinen eigenen Worten. Du kannst das mit dem ganzen Gedicht machen oder Zeile für Zeile. Wenn das zu verwirrend ist, konzentrier dich erst mal auf bestimmte Bilder oder einzelne Teile.'
'3. Schau dir die Wortwahl des Dichters an. Finde die Redewendungen. Finde Metaphern und/oder Gleichnisse, wenn welche da sind.'
So haben sie mein Gedicht bewertet?
Jedes Haus hat seinen eigenen Stil und bestimmte Kriterien, nach denen die eingereichten Beiträge gefiltert werden müssen.
Niemand hier hat eine Chance, deine Kunst zu verstehen. Vielleicht versteht das niemand.
Verzweigung
Niemand hier hat eine Chance, deine Kunst zu verstehen. Vielleicht versteht das niemand.Das ist der Spickzettel von einem blutigen Anfänger.Du verdienst es zumindest, von jemandem beurteilt zu werden, der durch jahrelange Erfahrung ein geschultes…Das macht die Analyse der Seelenarbeit zu so was wie einem Logikrätsel. Das ist echt traurig.Daran hätte nie Zweifel sein dürfen. Du bist total von Kunst besessen.Verlass dich nicht drauf. Behalt vorerst deinen Job.
Das ist der Spickzettel von einem blutigen Anfänger.
Du verdienst es zumindest, von jemandem beurteilt zu werden, der durch jahrelange Erfahrung ein geschultes Auge hat.
Gähn.
Deine Augen werden langsam glasig.
Das macht die Analyse der Seelenarbeit zu so was wie einem Logikrätsel. Das ist echt traurig.
Interessant. Ich hab das Gefühl, hier was zu lernen.
Vielleicht bist du jemand, der für Seelenarbeit geschaffen ist.
Daran hätte nie Zweifel sein dürfen. Du bist total von Kunst besessen.
Verlass dich nicht drauf. Behalt vorerst deinen Job.
Verzweigung
Dreh das Blatt um.
Eine Tabelle mit dem Titel „Viersilbige Wörter“. Die erste Spalte hat Hieroglyphen; die zweite Spalte hat eine Reihe von Wörtern.
Verzweigung
Schau dir die erste Spalte an.
Eine seltsame Reihe von U-förmigen Symbolen und Unterstrichen.
Markierungen, die man benutzt, um betonte und unbetonte Silben zu zeigen. Seit ewig streiten sich Sprachwissenschaftler darüber, ob sie überhaupt was bringen.
Wie lautet das Urteil?
Zwei Arten von Leuten stehen total auf die metrische Analyse: Dichter, die zu sehr auf Struktur stehen, oder festangestellte Akademiker. Keinen von beiden kann man trauen.
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Das Gleiche gilt für diese Frau.
Verzweigung
Das interessiert mich echt überhaupt nicht.
Mach, was du willst, du geheimnisvolle Besitzerin von Wissen, das du nicht brauchst.
Du erinnerst dich vage daran, dass sie dazu dienen, den Klang von Gedichten zu messen oder zu beschreiben.
Das klingt irgendwie verdächtig nach Mathe.
Das ist das kleine schmutzige Geheimnis der Poesie. Oft folgt der Rhythmus einem vorhersehbaren Muster.
Ich halte mich nicht an diese Regeln. Meine Gedichte kommen direkt aus dem Bauch heraus.
Das ist leicht gesagt, wenn man nicht auf ein leeres Blatt Papier starrt.
Verzweigung
Da-dum, da-dum, da-dum … Wie findest du das?
Die Dichter tun gerne so, als wäre es eine Art Zauberei, aber eigentlich ist es gar nicht so kompliziert.
Hast du es gehört? Das Lied in deinem Kopf? Es war die heilige Kunst des Verseschmiedens, die nur den strahlendsten Herzen zugänglich ist.
Eigentlich musst du nur bis zehn oder so zählen können.
Sind Dichter dann einfach nur Rhythmus-Techniker?
Und Wortwähler. Manchmal auch Interpunktionsspender.
Es ist also wie ein Code.
Auf jeden Fall eine besondere Art davon.
Schau dir mal die zweite Spalte an.
Prokelematisch. Ditrochee. Diiamb. Choriamb. Antipast. Dispondee.
Das Wort „choriamb“ ist mit rotem Stift eingekreist.
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Der gleiche Stift, der am Hals der Redakteurin hängt.
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Die Chefredakteurin meinte, sie ist die Hausmeisterin hier im Gebäude. Das heißt, sie legt die Türcodes fest.
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Tür unten – sich wiederholendes Muster. Das hier? Interessant.
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Fühlt sich wichtig an. Fühlt sich spannend an. Weiß nicht genau, warum.
Der gleiche Stift, der um den Hals der jüngeren Frau hängt.
Merke dir das Muster für „Choriamb“.
Die entsprechende Meter-Notation lautet „— U U —“.
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Das könnte genau das sein, was du brauchst, um den Code für die Tür im Keller zu knacken.
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Wenn du die Infos mal brauchst, kannst du sie jetzt aus den Archiven holen.
Blättere zurück zur Vorderseite. (Zurück.)
Das Papier dreht sich in deinen Händen und raschelt dabei.
Verzweigung
Sind diese Papiere für den Redakteur?
Wahrscheinlich, weil ihr Schreibtisch neben dem Regal steht.
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Okay, das reicht jetzt mit dem Nachhilfeunterricht. [Du gehst.]
Du legst die Papiere zurück.
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Ende dieses Zweigs
Langweilig. [Du gehst.]
Du warst nicht immer so desinteressiert. Tau auf, CASCADE! Lass dein Herz auftauen!